Interview mit Dr. Andreas Bersch, Berliner Brandung (Teil 1)
[Reblogged von Smart Service]
Bernhard Steimel: Wir haben uns in unserer letzten Studie “Social Media im Kundenservice” auch mit dem Einfluss von Social Media auf Kaufentscheidungen befasst. Was sind denn Ihre Erkenntnisse: Welchen Einfluss haben Social Media auf Kaufentscheidungen. Und gibt es eventuell Branchenunterschiede?
Dr. Andreas Bersch: Ja, mit Sicherheit gibt es Branchenunterschiede. Ich würde das vielleicht nicht an einer Branche festmachen, sondern an der Relevanz von entweder Empfehlungsfaktoren oder Entertainmentfaktoren.
Zunächst zu den Empfehlungsfaktoren. Wenn wir uns bestimmte Produktgruppen, z.B. aus dem Bereich Technologie oder Tourismus anschauen, gibt es zum einen preisgetriebene Entscheidungen wie z.B. bei einem Flugticket. Bei einem Ticket ist es mir relativ egal, was meine Freunde dazu sagen. Ich frage sie auch nicht. Es gibt aber auch Entscheidungen, die sind stärker von der Meinung von Freunden getrieben, wie z.B. in welchem Ort ich meinen Skiurlaub verbringe. Und hier wird Mundpropaganda relevant. Die war schon immer relevant, das hat sich nicht geändert. Aber die Kommunikation hat sich verändert.
Ein Teil der Kommunikation hat sich auf soziale Medien verlagert – 5 Stunden monatlich derzeit auf Facebook. Und deshalb wird auf Facebook auch über die nächste Urlaubsreise gesprochen. Damit wird Social Media dann auch relevant als Trägermedium für die Empfehlung.
Bernhard Steimel: Es gibt ja einige Unternehmen, die haben mehrere Tausend, vielleicht auch Millionen Fans gewonnen. Stellt sich die Frage: Was nun? Was macht man als Unternehmen damit? Was würden Sie empfehlen?
Dr. Andreas Bersch: Zunächst einmal empfehlen wir unseren Kunden gar nicht so sehr den quantitativen Fan-Aufbau, sondern wir sagen von vornherein: Es ist eigentlich egal, ob ihr 50.000 oder 100.000 Fans habt.
Es ist auch egal, wie viele Fans der Wettbewerber hat. Wichtig ist, dass eure Kunden eure Fans sind. Eure Kunden sind eure Fürsprecher und wenn eure Fürsprecher im Social Web, auf Facebook aktiv werden, dann werdet ihr langfristig mehr Kunden gewinnen, also auch mehr verkaufen. Ob ich durch promotionale Maßnahmen 100.000 oder 200.000 Fans dazu gewinne, Fans, die gar keine positive Einstellung zu meinem Unternehmen, meiner Marke oder meinen Produkten haben, ist nicht relevant.
Bernhard Steimel: Was kann man denn in Sachen Facebook-Marketing, Facebook-Commerce alles falsch machen? Entscheidend ist wohl, dass man Kunden gewinnt und nicht Schnäppchen-Jäger.
Dr. Andreas Bersch: Richtig. Es sei denn, man ist ein Schnäppchen-Portal. Wenn man das ist, dann muss man die Schnäppchen-Jäger suchen.
Zunächst sollte man vielleicht bei den Zielen ansetzen. Wenn Sie als Zielsetzung definieren, sie wollen über Social Media kurzfristig ihren Absatz steigern, dann werden Sie keinen Erfolg haben. Über Social Media lässt sich direkt nichts verkaufen. Was sich aber über Social Media erreichen lässt, ist eine Verdichtung der Kundenbindung. Man kann den Dialog mit dem eigenen Kundenstamm intensivieren, pflegen und die Kunden enger an das Unternehmen binden. Das ist Social-CRM. Oder aber man definiert Social Commerce als Entertainment, als Content. Ich offeriere, z.B. über eine Pop-up-Store, den ich in Facebook eröffne, meinen Fans ein besonderes Einkaufserlebnis. Dann ist Commerce Content. Und dann steht das Erlebnis im Vordergrund.
Bernhard Steimel: Was kann man dabei aus ihrer Sicht falsch machen, insbesondere, wenn Sie sich aktuelle Shop-Präsenzen anschauen, die auf Facebook implementiert wurden.
Dr. Andreas Bersch: Was man falsch machen kann, ist den eigenen Warenkatalog oder den bestehenden Webshop in Facebook hinein zu verlängern. So wie ich eine klassische digitale Kampagne nicht in Social Media verlängern kann, kann ich auch einen bestehenden Shop nicht in Facebook verlängern. Denn was will der Nutzer auf Facebook machen? Er will mit seinen Freunden kommunizieren. Nichts anderes. Und in diesem privaten Dialog kann ich weder mit einer Bannerkampagne eintauchen, noch mit einem Shop-Angebot von 500 Produkten. Das wird nicht funktionieren.
Bernhard Steimel: Sie haben ja schon auf zwei Faktoren hingewiesen – Empfehlungs- und Entertainment-Faktoren. Wenn Sie heute Firmen beraten, denen der erste Schritt gelungen ist, nämlich ihre Kunden zu ihren Facebook-Fans zu machen. Was ist für Sie natürlicherweise der nächste Schritt?
Dr. Andreas Bersch: Da gibt es keinen nächsten Schritt. Wenn es mir gelungen ist, meine Kunden auf Facebook zu meinen Fans zu machen, ist der erste und dauerhafte Schritt den Dialog mit den Kunden zu führen. Und der hat kein Ende. Da gibt es keine nächste Stufe. Die Frage ist dann, ob ich zusätzlich versuchen will, den Kunden direkt auf der Plattform auch etwas zu verkaufen. Das darf aber diesen Dialog nicht stören.
Das heißt, wenn ich diesen Dialog einmal mit sehr viel Mühe und sehr viel Feingefühl aufgebaut habe, darf ich ihn nicht durch plattes Verkaufen kaputt machen. Aber möglicherweise goutieren meine Fans, wenn sie in diesem Dialog einen exklusiven Mehrwert erhalten, z.B. einen Shop only for Fans. Dadurch fühlen sich meine Kunden möglicherweise angesprochen und ernst genommen und werden dann auch zu glücklichen Käufern.
Bernhard Steimel: Ich führte vor kurzem ein Interview mit Paul Marsden, Social Media-Experte der Syzygy-Gruppe. Er sagt, im Grunde seien Facebook-Präsenzen eher dafür da, Fan-Economics zu generieren und es gibt einige Tools und Maßnahmen, um das zu erreichen. Für Marsden funktionieren Pop-up-Stores sehr gut. Fallen Ihnen andere Beispiele ein?
Dr. Andreas Bersch: Da stimme ich Paul Marsden zu. Das lässt sich auch auf andere Komponenten des Liveshoppings erweitern. Es geht dabei ja um die zeitliche oder mengenmäßige Verknappung. Wir haben gerade heute eine Kampagne für Rossmann gemacht, bei der es pro Tag 500 Coupons gibt. Das spannende daran für den Kunden ist: Der Kauf wird emotional. Der Kauf wird zum Erlebnis. Das ist das, was ebay vorgemacht hat. Auf ebay ist der Kunde immer bereit gewesen, mehr für ein Produkt zu bezahlen als in der Zweiten Hand. Der Kunde weiß es nicht, aber er wird unter Druck gesetzt: 3-2-1-meins – wenn ich nicht schnell genug bin, krieg ich‘s nicht. Sie kaufen möglicherweise Dinge, die Sie nicht brauchen, die Sie auch sonst nicht gekauft hätten, aber es macht Spaß. Und dieses Spaß-machen, das ist es, was Social Commerce ausmacht.
*** Ende Teil 1 ***
Am Donnerstag geht es weiter mit “Ich glaube an den sozialen Filter und das soziale Design!”